Was ist Sexualbegleitung oder auch Sexualassistenz?


Darunter versteht man die Unterstützung von Menschen mit Behinderung bei der Entwicklung und Gestaltung ihrer Sinnlichkeit und Sexualität. Allgemein wird unterschieden zwischen aktiver und passiver Sexualbegleitung:
Passive Begleitung beinhaltet z.B. die Vermittlung von Informationen, Fahrdienste, Hilfestellungen, um Selbstbefriedigung zu ermöglichen oder Körperkontakt für Paare herzustellen. In der aktiven Sexualbegleitung wird mit dem Mensch aktiv eine sexuelle Begegnung gestaltet.
Weil das nun mal sexuelle Dienstleistungen sind, drängt sich der Vergleich mit Prostitution geradezu auf, aber es besteht ein wesentlicher Unterschied: es geht dabei nicht darum, möglichst schnell einen Job (=Orgasmus) zu erledigen, sondern dem Mann oder der Frau eine individuelle Ausdrucksmöglichkeit ihrer/ seiner ganz eigenen Sinnlichkeit zu ermöglichen.
Erst mal hat das mehr pädagogisch-bildenden Charakter, im Sinne einer „Befähigung“ (Empowerment im englischen lässt sich leider nicht so wohlklingend übersetzen). Die Grenze zum therapeutischen Aspekt – im Sinne von heilsam – ist  fließend.
Führendes Institut zur Ausbildung von SexualbegleiterInnen in Deutschland ist eindeutig das Institut zur Selbstbestimmung Behinderter in Trebel (www.isbbtrebel.de).

Quelle: Dipl.-Psych. Michael Sztenc, LiebesLeben Saarbrücken

Ute Himmelsbach ist die einzige ausgebildete Sexualassistentin im Saarland. Sie hilft behinderten Menschen, ihre Sinnlichkeit zu entdecken. 
Doch das Angebot ist in Gefahr. 

 
Hier findet Ihr einen ausführlichen Beitrag aus der Saarbrücker Zeitung vom
10. Februar 2019:


https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/sexualassistenz-im-saarland-vor-dem-aus_aid-36673155

Leseprobe:

 Seinen Rollstuhl kann Frank Wagner nur noch über das Kinn steuern.
Seine Hände, Arme und Beine gehorchen ihm nicht mehr. Der 53-jährige Saarbrücker leidet seit frühester Kindheit an spinaler Muskelatrophie, einem fortschreitenden Muskelschwund. Obwohl er seinen Tagesablauf völlig selbständig gestaltet, braucht er bei alltäglichen Dingen Unterstützung. 
Die meiste Zeit des Tages trägt er eine Beatmungsmaske, damit sein Körper ausreichend mit Sauerstoff versorgt ist. Frank Wagner ist nie alleine, denn das könnte lebensbedrohlich für ihn sein. Der auf Intensivpflege spezialisierte Pflegedienst „La Vie“ aus Luisenthal betreut ihn in drei Schichten rund um die Uhr in seiner Wohnung, die er bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft angemietet hat. Der gelernte Verwaltungsfachangestellte ist frühverrentet, hat keine Partnerin. „Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Schon als Jugendlicher war ich auf den Rollstuhl angewiesen. Aufgrund meiner Krankheit war es sehr schwierig, ein soziales Umfeld aufzubauen und Kontakte zu knüpfen. Mein Wunsch nach Familie, Zärtlichkeit und Sexualität war, wie bei jedem anderen, immer da“, sagt er. Lange Jahre muss der Wunsch unerfüllt bleiben. Frank Wagner zieht sich immer mehr zurück. 
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„Die Sexualbegleitung“, sagt sie, „kam eher zu mir“.  Ute Himmelsbach hat mehrere Zusatzausbildungen unter anderem in sexologischer Körperarbeit und körperorientierter Sexualtherapie gemacht und nahm vor etwa zehn Jahren an einem Workshop der bekanntesten Sexualbegleiterin in Deutschland, Nina de Vries, teil. Was sie hörte, sprach sie so an, dass sie sich daraufhin beim Institut zur Selbstbestimmung Behinderter in Trebel in Niedersachsen zur Sexualbegleiterin ausbilden ließ. Die Einrichtung ist mittlerweile nicht mehr die einzige dieser Art, aber sie zählt aufgrund ihrer Ausbildungsstandards in Deutschland als Vorreiter. Sie bildet sieben Wochenenden lang aus, vergibt Zertifikate und leistet Supervision für die erste Zeit in der Praxis. Wie viele ausgebildete Sexualbegleiter es derzeit in Deutschland gibt, ist nicht erfasst.

 An ihre ersten Treffen mit Frank Wagner erinnert sich Ute Himmelsbach noch gut: „Er war sehr aufgeregt, wir haben nur geredet, und er ist im Rollstuhl geblieben.“ Heute ist Frank Wagner entspannt: „Ich bin dank Ute offener und gelöster. Ich fühle mich freier und habe nicht mehr diesen Druck im Kopf.
Wenn Sexualität ein Leben lang unterdrückt werden muss, hat das gesundheitliche Folgen“, sagt er."